Sportangiologie

Sportangiologie ist eine ganz spezifische Nische der Angiologie/Gefässmedizin. Es richtet sich an alle, die sich bewegen – ob zur Gesundheitsförderung, im Freizeitsport oder auf Leistungsniveau. Dr. Roman Gähwiler erklärt, welche Gefässprobleme im Sport auftreten, warum sie oft lange unerkannt bleiben – und was man dagegen tun kann.

9 Fragen an Dr. Roman Gähwiler zum Thema Sportangiologie:

Dr. Gähwiler, Sie bringen ein Fachgebiet mit, das viele noch nicht kennen: die Sportangiologie. Was steckt dahinter?

Sportangiologie ist die Gefässmedizin für Menschen, die sich körperlich aktiv betätigen – und dabei spezifische Gefässprobleme entwickeln oder schon mitbringen.  «Sportangiologie» ist kein geschützter Begriff, sondern es beschreibt vielmehr die  Schnittstelle von Gefässmedizin und Sportmedizin. Es geht darum, dass Sport einerseits eine der wirksamsten Massnahmen für die Gefässgesundheit ist – «Bewegung ist Gefässmedizin», das ist kein Slogan, sondern medizinisch belegt – andererseits aber im Leistungssport auch spezifische Gefässveränderungen erzeugen kann, die zu Erkrankungen führen, die in der klassischen Gefässmedizin kaum vorkommen.

Für wen ist Sportangiologie relevant? Muss man Leistungssportler sein?

Überhaupt nicht. Ich unterteile das in drei Gruppen. Gesundheitssportler sind Menschen, die sich aus medizinischen Gründen bewegen oder bewegen sollten – etwa wegen Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten oder einer Schaufensterkrankheit. Hier ist meine Aufgabe, gemeinsam mit den Patient*innen ein sinnvolles Bewegungsprogramm zu erarbeiten – individuell dosiert, medizinisch begleitet. Dann gibt es Freizeitsportlerinnen und -sportler, die aktiv sind, aber keine Wettkämpfe bestreiten. Die kommen mit Fragen wie: Kann ich mit einer Thrombose oder meinem Bauchschlagader-Aneurysma weiter Sport machen? Wie verhalte ich mich unter Blutverdünnung? Und schliesslich Leistungssportler, bei denen sehr spezifische Kompressionssyndrome der Gefässe auftreten können – dazu kommen wir noch.

Fangen wir mit der ersten Gruppe an: Sport und Gefässerkrankungen – wie hängt das zusammen?

Nehmen wir die PAVK, die periphere arterielle Verschlusskrankheit – die «Schaufensterkrankheit». Viele Patient*innen wissen nicht, dass gezieltes Gehtraining nachweislich die Beschwerden reduziert, die schmerzfreie Gehstrecke verlängert und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt. Das ist keine Alternative zur medizinischen Behandlung, aber eine entscheidende Ergänzung. Ähnlich bei Bluthochdruck oder erhöhten Blutfetten: Regelmässige Bewegung kann die Medikamentendosierung in spezifischen Fällen deutlich reduzieren. Ich erstelle mit den Patient*innen sogenannte «Rezepte für Bewegung» – ähnlich einem strukturierten Trainingsplän, abgestimmt auf ihre Erkrankung und ihren Alltag.

Was ist mit Venenerkrankungen wie Krampfadern im Sport?

Krampfadern können bei Breiten- und Leistungssportler*innen unangenehme Schwere- und Spannungsgefühle in den Beinen verursachen oder Muskelkater begünstigen. Ich habe das erstmals realisiert, als ich Laufsportlern, Mountainbikern und Fussballspielern die Krampfadern behandelt habe. Damals habe ich das oft noch zweizeitig gemacht – erst das eine und einige Wochen später das andere Bein. Diverse Athelten haben mir dann in der Nachkontrolle nach dem Veneneingriff erzählt, dass sich das operierte Bein während des Sportes «deutlich leichter anfühle» und der Muskelkater in diesem Bein auch weniger ausgeprägt sei.

Was begegnet Ihnen bei Freizeitsportlerinnen und -sportlern?

Eine häufige Fragestellung ist Thrombose im Zusammenhang mit Sport. Wer nach einer Thrombose Blutverdünner einnimmt, fragt sich zu Recht: Kann ich weiter laufen, Velo fahren, reisen? Die Antwort ist fast immer ja – aber es braucht eine genaue Abklärung und Beratung, auch für Reisen und Flüge. Bei Athleten*innen aus Kontaktsportarten wie Fussball oder Eishockey ist das etwas schwieriger – hier muss eine detaillierte Bestandesaufnahme der Lokalisation und Ausprägung des Blutgerinnsels gemacht werden, um eine individuelle Beratung gewährleisten zu können. Eine andere Erscheinung ist die intratendinöse Neovaskularisation – eine schmerzhafte Neubildung von Blutgefässen innerhalb von Sehnen, die bei chronischen Überlastungen auftreten kann, etwa an der Achillessehne. Das ist eine Diagnose, die oft übersehen wird, weil man zunächst nicht an Gefässe denkt. Man kann diese Art von schmerzhaften Gefäss-Sehnen-Problemen jedoch mittels ultraschallgesteuerten Infiltrationen (Spritzen) oft gut behandeln.

Und im Hochleistungssport?

Da wird es besonders interessant – und besonders komplex. Im Leistungssport kann es durch spezifische Bewegungsmuster oder stark auftrainierte Muskulatur zu Kompressionssyndromen kommen: Gefässe werden durch umliegende Muskeln, Bänder oder Knochen abgedrückt. Das führt zu Durchblutungsstörungen, die oft erst unter Belastung auftreten und deshalb lange unentdeckt bleiben.

Ein Beispiel: Bei Überkopf-Sportarten wie Handball oder Volleyball kann es zum Thoracic-Outlet-Syndrom kommen – einem Abdrücken der Oberarmgefässe im Bereich von Schlüsselbein und erster Rippe. Radsportler können durch spezifische Scherkräfte Gefässwandveränderungen der Beckenarterien entwickeln – die sogenannte Endofibrose der Iliakalarterien. Das betrifft vor allem ambitionierte Strassenrennradfahrer und Triathleten und ist eine der klassischen sportangiologischen Diagnosen. Läuferinnen und Läufer können durch Muskelanlage-Varianten der Wadenmuskulatur ein Entrapment der Arteria poplitea entwickeln – die Kniekehlenarterie wird komprimiert, was sich durch krampfartige Wadenschmerzen unter Belastung äussert. Und schliesslich das chronische Kompartmentsyndrom, auch Logensyndrom genannt: Ausdauerläufer klagen über ein schmerzhaftes Druck- oder Berstungsgefühlunter Belastung – ausgelöst durch einen Überdruck im spezifischen Muskelgruppen.

Wie sieht die Diagnostik bei Sportler*innen aus – gibt es spezifische Untersuchungsmethoden?

Ja, und das ist ein wesentlicher Punkt. Viele Gefässprobleme im Sport treten nur unter Belastung auf. Eine Untersuchung in Ruhe oder unzureichender Belastungsintensität zeigt dann völlig normale Werte. Deshalb sind sportspezifische Belastungsuntersuchungen entscheidend. Für Radsportler etwa kann der Patient sein eigenes Velo in einen Rollentrainer einspannen und unter realen Bedingungen fahren, während wir die Gefässe untersuchen. Das erlaubt uns, Durchblutungsstörungen zu reproduzieren und präzise zu lokalisieren. Auch für Läufer haben wir Belastungsprotokolle. Natürlich kommt auch hier der Gefässultraschall zum Einsatz, ergänzt durch weitere bildgebende Verfahren je nach Fragestellung.

Wie arbeiten Sie innerhalb der Praxis mit Dr. Schaefle-Frick und Dr. Muster zusammen?

Das ist eines der Dinge, die ich an unserer Praxis überaus schätze: Sportangiologie ist nicht losgelöst von der klassischen Gefässmedizin. Es ist eine sehr spezialisierte Nische. Dementsprechend schätze ich den fachlichen Austausch in dieser Praxis extrem – mit dem Spezialwissen jedes einzelnen Teammitgliedes können wir stets das Maximum für unsere Patienten*innen herausholen. Das wird hier nicht nur auf die Website geschrieben, sondern auch wirklich gelebt.

An wen richtet sich Ihr Angebot konkret – muss man zugewiesen werden?

Nein. Sportler*innen können sich direkt an uns wenden, sofern sie versicherungstechnisch «freie Arztwahl» haben. Wer Symptome hat, die unter Belastung auftreten – Wadenkrämpfe beim Velofahren, Druckgefühl in den Unterschenkeln beim Laufen, Armschmerzen beim Werfen oder Schwimmen –  und bisher keine klare Diagnose erhalten hat, ist bei uns richtig. Gleichzeitig freuen wir uns über Zuweisungen von Sportärzt*innen, Orthopäden, Physiotherapeut*innen, wenn Gefässabklärungen gewünscht sind.